Was ist Kinästhetik?


Kinästhetik in der Pflege ist keine Technik die schnell erlernbar ist. Vielmehr handelt es sich dabei um ein kreatives Handlungskonzept zur Gestaltung der pflegerischen Interaktion zwischen der pflegenden und pflegebedürftigen Person. Aus diesem Grund muss der Erwerb und die Vermittlung kinästhetischer Fähigkeiten als individueller Lern- und Entwicklungsprozess verstanden werden.

 

Entstehung der Konzeption:

Kinästhetik ist die deutsche Form der amerikanischen Bezeichnung Kinaesthetics. Der Begriff leitet sich aus den griechischen Wörtern kinesis (Bewegung) und aesthetics (Empfindung, Wahrnehmung) ab. Die Methodik basiert auf dem Wissen und den Erfahrungen der Verhaltenskybernetik (K.U. Smith u.a.), der humanistischen Psychologie (A. Maslow u.a.), der Kommunikationsforschung (G. Baetson u.a.), der Säuglingsforschung (M.D. Ainsworth u.a.) und verschiedenen bewegungs- und tanzpädagogischen sowie körpertherapeutischen Ansätzen (M. Feldenkrais, Ch. Selver u.a.). Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurde die Methodik der Kinästhetik in den 1980er Jahren von den amerikanischen Forschern Dr. Frank Hatch und Dr. Lenny Maietta konzipiert und wenige Jahre später in Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus der Pflege, der Physio- und Ergotherapie sowie aus dem Bereich der Pädagogik weiterentwickelt. Als Ergebnis des Studiums der menschlichen Bewegung wurde.

 

Grundlagen:

Bei der Kinästhetik handelt es sich um eine körperdialogische Arbeit mit Menschen in jedem Lebensalter. Pflegende lernen durch gezielte Wahrnehmungsschulung ihren Körper und ihre Bewegungen so einzusetzen, damit sie weniger Kraftaufwand ausüben und gleichzeitig pflegebedürftige Personen gesundheitsfördernd in ihrer Bewegung unterstützen können. Das Konzept ist darauf angelegt den natürlichen Bewegungshaushalt zu fördern und dies zu Gunsten beider Beteiligten – der ausübenden und pflegebedürftigen Person.

 

Demnach setzt die Umsetzung der einzelnen Konzepte eigene Lernprozesse voraus, um:
- grundlegende Muster der menschlichen Bewegung bewusst wahrzunehmen
- ein kraftökonomisches Bewegungsverhalten zu entwickeln
- sensomotorische Interaktionsfähigkeiten zu erlernen
- mein höheres Bewusstsein, mehr Flexibilität und Handlungsfähigkeit in der helfenden Beziehung zu erlangen
- persönliche und berufliche Kompetenzen im zwischenmenschlichen Bereich zu erweitern

 

Konzepte der Kinästhetik:

- Interaktion

- Anatomie

- Bewegung

- Funktion

- Beziehung

- Umgebung


Geschichte der Kinästhesie

Im Jahre 1741 Entdeckte  der deutsche Anatomen und Arzt  Abraham Vater (1684–1751) die Muskelspindel ( Sinnesorgane in den Muskeln, die den Dehnungszustand der Skelettmuskulatur erfassen) und Endkörperchen der Nervenfasern in der Unterhaut die uns Vibrations- empfindungen vermitteln.


Der Italienische Anatom Filippo Pacini(1812–1883) hat sie im Jahre 1835 noch genauer als Mechanorerezeptoren beschrieben (Vater-Pacini-Körperchen).


Zu den Machanorezeptoren gehören noch die Ruffini-Körperchen die nach dem italienischen Anatomen Angelo Ruffini (1864–1929) benannt wurden. Es handelt sich um langsam adaptierende Dehnungsrezeptoren.


Um 1880 endeckte Golgi die Rezeptoren in den Sehnen, das Golgi-Sehnenorgan (es dient der Regelung der Muskelspannung, während die Muskelspindeln der Regelung der Muskellänge dienen).
Der Begriff Kinästhesie und Tiefensensibilität war geboren.

 

1906

beschreibt der Neurophysiologe Sir Charles Scott Sherrington (1857– 1952) Propriozeption als Bewegungssinn.
Dieser ergibt sich aus Kräften, Druck, Spannung, relativer Position der Körpersegmente und ihrer Orientierung im Raum.

 

1945

definierte Young die Kinästhetik als das Wahrnehmen der Körperpositionen und Körperbewegung, zum Beispiel der sinn der Muskulären Anstrengung.

 

1972

forderte Raine eine Unterscheidung der Begriffe Propriozeption und Kinästhetik in Bezug auf die beteiligten Rezeptorsysteme und beschreibt Propriozeption als absolutes sensorisches Feedback der Körperbewegungen und Positionen im Raum,  wohingegen Kinästhetik das sensorische Feedback der Körperbewegungen minus dem Feedback der vestibular Mechanisemen ist.

 

1978

betont Hamsen als Sporwissenschaftler extra, dass für sportwissenschaftliche Untersuchungen die Definition von Kinästhetik sowohl das vestibulare als auch taktile Rezeptorsystem miteinbezieht. Diese beiden Rezeptorsysteme sind auch als zugehörige Systeme in das Deutsche Sportwissenschaftliche Lexikon übernommen. „Kinästhesie.
(Quelle: Karola Viktoria Stolpe)


"Die Sinne sind diejenigen Organe, durch die der Mensch sich mit der Umwelt  in Verbindung setzt".
     (J.A.Brillat-Savarin)